Dienstag, 9. Dezember 2014

"Eine Depression ist ein fucking event!" - Sarah Kuttner, Mängelexemplar

Hallo, ihr Lieben!

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mir sehr am Herzen liegt. Und zwar, weil es immer wieder Seite für Seite meine Seele in 1000 Einzelteile zerpflückt und ich mich erschreckend gut mit der Protagonistin identifizieren kann. Die Rede ist von Sarah Kuttners Debütroman "Mängelexemplar". 






Zunächst mal: Worum geht es überhaupt? "Mängelexemplar" erzählt die Geschichte von Karo, die in einer Event-Management-Agentur arbeitet und die seit zwei Jahren in einer Beziehung mit Mediengestaltung-Student Philipp ist. Aber plötzlich wird Karo gekündigt, sie muss in einer Bar kellnern und erkennt nebenbei, dass ihre Beziehung auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Durch diese Umstände verunsichert, begibt sich Karo in die Hände einer Psychotherapeutin und trennt sich schließlich auch von Philipp. Statt ihr jedoch die erwartete Freiheit zu verschaffen, schmerzt die Trennung und das damit einhergehende Alleinsein, was Karo jedoch für sich behält. Bald aber fordert die Psyche ihren Preis und die junge Frau wird von Panikattacken geplagt. Sie zieht vorübergehend wieder bei ihrer Mutter, die früher selbst an Depressionen erkrankt war, ein und bekommt von einer Psychiaterin ein angstlösendes Anti-Depressivum verschrieben. Einige Zeit vergeht, die Medikamente tun ihre Wirkung, Angstattacken bleiben aus und von der Event-Management-Agentur wird Karo eine erneute Zusammenarbeit auf Projektbasis angeboten, wobei sie und ihr Kollege Max sich näher kommen. Karo setzt schließlich ihre Medikamente ab, wodurch ihre Stimmung stark schwankt und sie an der Beziehung zu Max zweifelt - der jedoch steht fest hinter ihr. Sechs Wochen und ein Kurztrip nach Mallorca später bekommt Karo einen Rückfall und somit wieder eine Panikattacke. Da ihre Psychiaterin in Mutterschutz ist, muss sie sich mit deren Kollege zufrieden geben, welcher Karo letztendlich wieder Anti-Depressiva verschreibt. 

______________________________________________________________________________

Ich habe dieses eher unscheinbar wirkende Buch, das für mich ehrlich gesagt eine Art Mini-Selbsttherapie war, von Anfang an Seite für Seite, Satz für Satz verschlungen und dabei Rotz und Wasser geheult. Durch die Erzählung aus der Ich-Perspektive kann der Leser die Entwicklung der Protagonistin sehr gut mitverfolgen und nachvollziehen. Sarah Kuttner geht hier auf ein kleines Tabu-Thema ein: Depressionen. Ein Großstadtmädchen wie du und ich, das ein Leben auf der Überholspur führt, bis es von "Kleinigkeiten" wie beispielsweise einer Trennung aus der Bahn geworfen wird und feststellen muss, dass schon in ihrer Kindheit die Wurzel allen Übels liegt. 


Ich habe viel über das Thema nachgedacht und kam zu der großen Frage: Hat man versagt, weil einen Nichtigkeiten zur Schnecke machen und man sein Leben auf einmal nicht mehr alleine auf die Reihe bekommt? Andere schaffen es doch schließlich auch, ihre Probleme zu bewältigen. Muss man sich schämen, wenn man sich Hilfe holt? 

Meine ganz persönliche Meinung: Nein! Ganz im Gegenteil. Ich finde, es ist ein Zeichen von wahrer Stärke, seiner größten Schwäche gegenüber zu treten und sie im Kern ausmerzen zu wollen. Denn wirklich, es braucht unfassbar viel Mut und Stärke, sich seiner Vergangenheit zu stellen und sich an alles zu erinnern, was man verdrängen und vergessen wollte. Wieder und wieder durchleben. 
Was lief falsch? Woran liegt es? Was ist nur mit mir passiert? Oft reicht es nicht, die Antworten auf diese Fragen in einer Therapie zu suchen, oft muss man weitere Hilfe in Form von Anti-Depressiva annehmen. Und auch hier gilt nicht, dass eben ein paar bunte Pillen geschluckt werden und auf einmal ist die Welt wieder regenbogenfarben und wundervoll. Eine Depression ist heilbar, aber oft kämpft man sein Leben lang immer wieder dagegen an. Es ist eine lebenslange Aufgabe, die Ursachen zu bekämpfen und sich vor Augen zu halten, dass es kein persönliches Versagen ist. 
Und hiermit komme ich abschließend zu drei letzten Fragen, die ich mir leider selbst nicht beantworten kann: Es gibt allein in Deutschland etwa vier bis fünf Millionen Menschen, die an Depressionen leiden. Eine Depression ist eine anerkannte Krankheit. Warum also wird sie von der Gesellschaft viel zu selten als solche gesehen und ernst genommen? Warum müssen sich Erkrankte immer noch zu oft anhören, dass sie sich das doch einbilden und dass das schon wieder von selbst vergeht? Wie hoch ist wohl die Grauziffer der Menschen, die depressiv sind, sich aber nicht behandeln lassen aus Scham und Angst vor den Reaktionen des Umfeldes? 
Hiermit spreche ich meinen größten Respekt und meine Bewunderung aus an alle, die sich ihren Ängsten stellen und an alle, die tagtäglich versuchen, Depressiven zurück ins Leben zu verhelfen - egal ob als Arzt, Therapeut oder einfach als Freund. Und ein gewaltiges "shame on you" an alle, die an Depressionen erkrankte Menschen klein halten und weiter in den Sumpf drücken. Wort zum Dienstag. 

"Du bist kein Hauptgewinn. Du bist ein Mängelexemplar. Ein zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar."

Kommentare:

  1. Ich sollte auch mal wieder Lesen :)

    lg

    AntwortenLöschen
  2. Depressionen sind ein ernsthaftes Thema und ich finde es schön, dass er Bücher gibt (wie dieses) die sich mit einer gewissen Leichtigkeit damit auseinandersetzen, er aber trotzdem nicht auf die "leichte Schulter" nehmen...
    Ein ganz tolles Buch ;-)
    Liebe Grüße
    http://www.instylequeen.de/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das finde ich auch. Es sollte mehrere solcher Bücher geben! :)

      Löschen
  3. Toller post, vielen dank dafür :)


    <3
    http://soglitteryandgolden.blogspot.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bitte und ebenfalls danke für den lieben Kommentar :)

      Löschen
  4. Super Buchvorstellung! Finde ich sehr interessant und wird bestimmt bald gelesen ;)
    Danke für den Tipp!
    Liebst, Sarah von Belle Mélange

    AntwortenLöschen
  5. ich lese nicht wirklich gerne Bücher, aber bei dem würde ich ne Ausnahme machen. Das Thema ist mir nicht fremd und ich bin mir sicher, der Inhalt kann sich sehen lassen

    lg calista

    AntwortenLöschen
  6. schöner text :)
    das buch hört sich ganz gut an! ich bin eigentlich überhaupt kein fan von Sarah kuttner und bin bei büchern solcher art immer etwas vorsichtig... allerdings kann mal reinlesen ja nichts schaden :)

    liebst, Laura
    http://www.diamondsandcandylfoss.com

    AntwortenLöschen
  7. Schon alleine das Cover von dem Buch finde ich total ansprechend. Werde es mir definitiv auch mal im Buchladen ansehen und ein paar Zeilen Probelese. Ich lese ja am allerliebsten Bücher mit etwas mehr Tiefe und psychologischem Inhalt, was einem auch persönlich weiterhilft. Selbsttherapie, wie du so schön meintest.

    Liebe Grüße,
    http://misssinterpreted.blogspot.de/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Cover hat mich auch sehr fasziniert. Wirkt sehr unscheinbar, aber wenn man mal genauer drüber nachdenkt, hat das allein schon eine tiefere Bedeutung.

      Löschen
  8. Ich danke dir für deine lieben Worte. Mir standen ein wenig die Tränen in den Augen, wie sehr du für uns sprichst und eintrittst.

    Ich gehöre auch dazu. Ich leide seit etwa einem Jahr an schweren Depressionen. In dieser Zeit wurde auch noch ein Tumor bei mir entdeckt. Ich habe mich lange versteckt und alleine gelitten. Solche Abgründe sind für gesunde Menschen nicht nachvollziehbar. Aber ich habe auch erkannt, dass es keinen Grund dazu gibt. Wir sind krank, wir sind keine schlechteren Menschen.

    Ich habe gerade einen langen Artikel dazu geschrieben und werde ihn Ende des Jahres auf meinen Blog stellen, mich endgültig zu 'outen'. Es macht mir immer noch Angst, doch deine Worte haben mir wieder gezeigt, dass es der Richtige Weg ist.

    Ich danke dir von Herzen.

    Liebe Grüße
    Victoria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen dank für deinen tollen Kommentar, ich hab mich wirklich sehr darüber gefreut!

      Ich bin selbst auch betroffen und habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich nicht für Depressionen schämen oder mich deswegen verstecken muss. Diese Gedanken möchte ich gern an andere Leidensgenossen weitergeben und dein Kommentar zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Danke dafür :)
      Ich bin sehr gespannt auf deinen Artikel und freu mich schon drauf, ihn zu lesen!

      Löschen